DIE UBER-STORY · VON 2009 BIS HEUTE

Uber: Vom Sharing-Versprechen zum Kampf um die Gesetze

Eine App sollte die Mobilität revolutionieren. Daraus wurde ein globales Geschäftsmodell, dessen frühe Expansion von Rechtskonflikten, massiver Lobbyarbeit und umstrittenen Methoden begleitet war.

SHARING · MACHT · GESETZE

Eine Fahrt per Fingertipp bestellen. Kein Anruf, kein Warten am Taxistand, der Preis erscheint auf dem Smartphone. Eine überzeugende Idee.

Doch die Geschichte von Uber ist mehr als eine Geschichte über moderne Technik. Sie handelt von Marktmacht, Wettbewerb, politischen Entscheidungen und der Frage, welche Bedeutung bestehende Gesetze haben, wenn ein neuer Anbieter ganze Märkte verändern will.

Wie wurde aus einer digitalen Geschäftsidee ein Weltkonzern? Und warum beschäftigt sein Verhältnis zu Gesetzen und Behörden noch immer die Öffentlichkeit?

KAPITEL 01 · DIE ANFÄNGE

Eine gute Idee. Aber war das wirklich Sharing?

Die Geschichte beginnt Ende der 2000er-Jahre im Silicon Valley. Garrett Camp und Travis Kalanick entwickeln die Idee, professionelle Fahrdienste bequem über das Smartphone bestellbar zu machen.

2010 startet das Angebot in San Francisco. Anfangs geht es vor allem um hochwertige Fahrzeuge mit Fahrer. Die App verbindet Kunden und gewerbliche Beförderungsangebote.

2009

Die Geschäftsidee nimmt organisatorisch Gestalt an.

2010

Start des Fahrdienstes in San Francisco.

2012

UberX erweitert das Angebot um günstigere Fahrzeugkategorien.

Der Unterschied zur klassischen Sharing-Idee

Bei einer klassischen Mitfahrgelegenheit nimmt ein Fahrer andere Menschen auf einer ohnehin geplanten Strecke mit. Ressourcen und Fahrtkosten werden geteilt.

Bei Uber entsteht dagegen ein kommerzieller Fahrauftrag. Das Fahrzeug wird eingesetzt, weil ein Kunde befördert werden möchte.

Der grundlegende Unterschied

Eine Mitfahrgelegenheit teilt eine ohnehin stattfindende Fahrt. Ein gewerblicher Fahrdienst verkauft eine Beförderungsleistung.

Die digitale Vermittlung war eine Innovation. Doch die dahinterliegende Beförderung blieb eine wirtschaftliche Dienstleistung, für die je nach Land unterschiedliche Vorschriften galten.

KAPITEL 02 · INTERNATIONALE EXPANSION

Erst den Markt erobern. Dann über die Gesetze verhandeln?

Mit dem schnellen Wachstum geriet Uber in zahlreichen Ländern in Konflikt mit bestehenden Vorschriften für die gewerbliche Personenbeförderung.

Taxiunternehmen benötigten Genehmigungen, mussten Auflagen erfüllen und unterlagen regulierten Fahrpreisen. Neue digitale Fahrdienste stellten etablierte Marktordnungen infrage.

Entscheidend war dabei nicht, dass eine App verwendet wurde. Entscheidend war, unter welchen rechtlichen Bedingungen die vermittelten Fahrten stattfanden.

Ein Geschäftsmodell trifft auf bestehendes Verkehrsrecht

In mehreren Märkten versuchte Uber, den Betrieb trotz rechtlicher Auseinandersetzungen auszuweiten. Dabei entstanden Konflikte mit Behörden, Gerichten und etablierten Beförderungsunternehmen.

Die später veröffentlichten Uber Files dokumentierten, wie die damalige Unternehmensführung auf politische Einflussnahme und aggressive Marktexpansion setzte.

Die zentrale Frage

Was geschieht mit fairem Wettbewerb, wenn ein Anbieter geltende Regeln einhält und ein anderer versucht, diese Regeln erst nach seinem Markteintritt verändern zu lassen?

Nicht jede neue Geschäftsidee muss in bestehende Strukturen passen. Gesetze dürfen und sollen weiterentwickelt werden. Doch über ihre Änderung entscheiden die zuständigen demokratischen Institutionen – nicht allein wirtschaftlich erfolgreiche Plattformen.

KAPITEL 03 · DIE UBER FILES

Die Uber Files: Ein Blick hinter die Kulissen

Im Juli 2022 veröffentlichten internationale Medien eine umfangreiche Recherche über die frühere Expansion von Uber.

Grundlage waren mehr als 124.000 interne Unterlagen aus den Jahren 2013 bis 2017. Dazu gehörten E-Mails, Nachrichten, Präsentationen und Unternehmensdokumente.

124.000+

Interne Dokumente bildeten die Grundlage der Recherche.

2013–17

Aus diesem Zeitraum stammten die untersuchten Unterlagen.

Was die Recherchen dokumentierten

Die Dokumente zeigten, wie die damalige Uber-Führung Kontakte zu hochrangigen Politikern suchte, um regulatorische Hindernisse abzubauen.

Außerdem wurden Methoden bekannt, mit denen in mehreren Ländern behördliche Ermittlungen und Kontrollen erschwert wurden. Dazu gehörte der sogenannte Kill Switch, mit dem Zugriffe auf Computersysteme unterbunden werden konnten.

Der ehemalige Uber-Lobbyist Mark MacGann bekannte sich später dazu, die Dokumente an Journalisten weitergegeben zu haben.

Die Bedeutung der Enthüllungen

Die Diskussion über frühere Gesetzesverstöße war damit keine bloße Behauptung konkurrierender Taxiunternehmen mehr. Interne Dokumente machten die damaligen Strategien überprüfbar.

Was Uber selbst dazu sagte

Uber räumte Fehler und problematisches Verhalten in seiner Vergangenheit ein. Das Unternehmen erklärte zugleich, sich nach dem Führungswechsel im Jahr 2017 grundlegend verändert zu haben.

Wichtige Einordnung: Die Uber Files dokumentieren historische Vorgänge. Sie beweisen nicht, dass jedes heutige Uber-Angebot oder jeder Partnerbetrieb gegen geltendes Recht verstößt.

Die umfangreiche Originalrecherche ist beim International Consortium of Investigative Journalists öffentlich zugänglich.

Die Uber Files beim ICIJ lesen →

KAPITEL 04 · DIE ÖKONOMIE

Billig fahren. Aber wer bezahlt die Rechnung?

Für viele Fahrgäste zählt zunächst der Preis. Wenn eine App eine günstige Fahrt anbietet, ist das attraktiv.

Doch ein niedriger Fahrpreis sagt noch wenig darüber aus, wie wirtschaftlich das dahinterliegende Geschäftsmodell ist.

Eine Fahrt verursacht auch dann Kosten, wenn sie billig ist

Fahrerlohn, Fahrzeuganschaffung, Versicherung, Energie, Wartung und Verwaltung müssen finanziert werden. Hinzu können Gebühren für die Vermittlungsplattform kommen.

Rabatte und Sonderaktionen können einen Fahrpreis zeitweise deutlich reduzieren. Daraus lässt sich jedoch nicht automatisch ableiten, zu welchen Kosten die Fahrt tatsächlich durchgeführt wird oder wer einen möglichen Preisnachlass finanziert.

Die wirtschaftliche Frage

Ein günstiger Preis ist schnell angezeigt. Ob er dauerhaft kostendeckend ist, zeigt sich erst hinter der App.

Was geschieht, wenn Wettbewerb verschwindet?

Niedrige Preise können Verbraucher entlasten. Sie können aber auch den wirtschaftlichen Druck auf konkurrierende Anbieter erhöhen.

Wenn Unternehmen deshalb dauerhaft aus einem Markt ausscheiden, stellt sich eine weitere Frage: Bleibt anschließend genügend Wettbewerb bestehen?

Bei Plattformdiensten kommen zusätzlich dynamische Preise und unterschiedliche Vermittlungsgebühren hinzu. Deshalb lohnt sich der Blick auf die langfristige Entwicklung von Fahrpreisen, Provisionen und Fahrereinnahmen.

KAPITEL 05 · DEUTSCHLAND HEUTE

Eine moderne App. Aber die Gesetze gelten trotzdem.

In Deutschland richtet sich die gewerbliche Personenbeförderung nach dem Personenbeförderungsgesetz.

Dabei ist zu unterscheiden: Ein Taxi unterliegt anderen gesetzlichen Bedingungen als ein Mietwagen mit Fahrer.

Der entscheidende Unterschied

Das Taxi darf im Rahmen der gesetzlichen Vorschriften an Taxiständen bereitstehen und spontane Fahrgäste aufnehmen.

Ein Mietwagen nach § 49 PBefG darf dagegen nur Aufträge ausführen, die nach den gesetzlichen Bestellregeln eingegangen sind. Nach der Fahrt gilt grundsätzlich die Rückkehrpflicht zum Betriebssitz, soweit keine zulässige Anschlussbestellung vorliegt.

Wichtig: Die Vermittlung über eine Smartphone-App hebt diese gesetzlichen Unterschiede nicht auf. Auch die Rückkehrpflicht entfällt nicht allein deshalb, weil eine Plattform weitere Fahrten vermitteln kann.

Warum Kontrollen entscheidend sind

Die gesetzlichen Regeln unterscheiden die Verkehrsformen. Ihre praktische Wirkung hängt jedoch davon ab, ob Verstöße erkannt und wirksam verfolgt werden.

Besonders relevant sind dabei die Einhaltung der Rückkehrpflicht, die ordnungsgemäße Auftragsannahme und das Verbot einer taxiähnlichen Bereitstellung von Mietwagen.

Gesetz und Wirklichkeit

Ein Gesetz schützt den Wettbewerb nicht allein dadurch, dass es im Gesetzbuch steht. Entscheidend ist auch, dass es durchgesetzt wird.

Unabhängig vom jeweiligen Anbieter gilt: Ob ein konkreter Rechtsverstoß vorliegt, muss anhand der tatsächlichen Umstände geprüft werden.

KAPITEL 06 · DIE ZUKUNFT

Wenn wenige Plattformen den Markt beherrschen – wer bestimmt dann den Preis?

Die Digitalisierung des Verkehrsmarktes ist nicht mehr aufzuhalten. Eine digitale Bestellung kann bequem und effizient sein.

Doch technische Innovation beantwortet nicht automatisch die Fragen nach Marktordnung, Versorgungssicherheit und fairem Wettbewerb.

Was geschieht, wenn immer weniger unabhängige Anbieter bestehen und ein wachsender Teil der Fahrten über wenige Plattformen vermittelt wird?

Wer entscheidet über die Höhe der Fahrpreise?
Welche Verhandlungsmacht bleibt den Fahrern und Verkehrsunternehmen?
Welche Angebote bleiben auch außerhalb besonders lukrativer Zeiten bestehen?
Wie wirksam können Behörden die gesetzlichen Regeln kontrollieren?

Ein vielfältiger Markt kann neue digitale Beförderungsangebote und das traditionelle Taxi nebeneinander ermöglichen.

Voraussetzung sind Regeln, die verlässlich gelten, und Behörden, die ihre Einhaltung überprüfen.

Die entscheidende Schlussfrage

Was geschieht mit dem Rechtsstaat, wenn die Einhaltung seiner Gesetze für manche Unternehmen zum Wettbewerbsnachteil wird – und ihre Missachtung für andere zum Geschäftsmodell?

Diese Frage richtet sich nicht allein an Uber. Sie betrifft jede Branche, in der digitale Plattformen bestehende Marktordnungen verändern.

Und sie betrifft die Politik: Wer unterschiedliche Verkehrsformen gesetzlich zulässt, muss auch die Voraussetzungen für einen fairen Wettbewerb zwischen ihnen sichern.

DIE REPORTAGE VOR ORT

Uber in Koblenz: Wie sieht die Wirklichkeit aus?

Mietwagen am Hauptbahnhof, Diskussionen über die Rückkehrpflicht, umstrittene Werbung und die Frage nach wirksamen Kontrollen.

Was internationale Recherchen zum Geschäftsmodell aufgeworfen haben, lässt sich auch in Koblenz an konkreten Fragen des Verkehrsrechts diskutieren.

Die Koblenzer Recherche lesen →

Quellen und weiterführende Recherchen

Uber – Unternehmensgeschichte: Die Gründungsidee und die Entwicklung des frühen Fahrdienstes. Uber Newsroom

ICIJ – Uber Files: Internationale Recherchen zu internen Dokumenten aus den Jahren 2013 bis 2017. Originalrecherche lesen

ICIJ – Stellungnahme Uber: Einordnung und Reaktion des Unternehmens auf die Enthüllungen. Stellungnahme lesen

Personenbeförderungsgesetz: Insbesondere § 49 zum Mietwagenverkehr und § 51a zu Beförderungsentgelten. Gesetzestext

Redaktioneller Hinweis: Der Beitrag unterscheidet historische Enthüllungen, aktuelle gesetzliche Vorschriften und journalistische Bewertungen. Aussagen über die frühere Unternehmensführung sind nicht automatisch Aussagen über heutige Fahrer oder Partnerunternehmen.